Bitte vervollständigen Sie das Wort: Sei_e

…wie es möglich ist, mal vollkommen unvoreingenommen an etwas heranzugehen.

Es gibt eine Menge wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, dass ein Denkvorgang von einer vorab erhaltenen Information beeinflusst wird. (1)
Ein Beispiel:
Wenn Sie vorab die Hände gewaschen haben oder ich Ihnen Worte wie „glitschig“, „sauber“, „waschen“, „Handtuch“ gesagt hätte, würden Sie die Lücke im Wort oben mit einem ‚f‘ ersetzen, also Seife draus machen.
Wenn ich Ihnen aber vorab Worte wie ‚langweilig‘, ‚Hobby‘, ‚Inhalt‘, ‚Lesen‘ gesagt hätte, ist es viel wahrscheinlicher, dass Sie nicht Seife sondern Seite vervollständigt hätten.

Dieser Effekt ist als Priming-Effekt bekannt. Übersetzt werden kann das mit Bahnungs-Effekt. Also ein Effekt, der entsteht, wenn einer Vorstellung durch eine andere der Weg gebahnt wird. (2) (3)

Das ist übrigens auch der Grund dafür, warum ich mich hier (anders als in Blogs üblich) gar nicht weiter selbst beschreibe. Wenn Sie durch eine Seite ‚wer schreibt hier‘ wüssten, dass ich ein Anwalt bin, der seit 24 Jahren verheiratet ist, 2 Kinder und einen Hund hat, in der Freizeit gern Tennis spielt und hin und wieder Artikel in einer Juristen-Zeitschrift namens ‚Der Paragraphenreiter‘ veröffentlicht, würden Sie die Artikel vermutlich mit einer anderen Voreinstellung lesen als wenn ich schreibe, dass ich durch eine lang anhaltende Depression arbeitslos bin, mir aber mittels Bloggen Engagement und geistige Aktivität erhalten will und eine Stelle als Produkt-Designer in Berlin suche. (Übrigens entsprechen beide Vorstellungen nicht der Wahrheit).

Mir fällt es sehr schwer, Priming zu umgehen. Würde vermutlich auch nicht funktionieren, da das Priming einer Arbeitsweise des Gehirns eigen ist, soweit das wissenschaftliche Forschung bisher herausfinden konnte. Ich merke, wie ich bei einem Artikel, den ich lese, oft schon am Anfang wissen möchte, wer den geschrieben hat: eine politisch eher links oder rechts oder mittig orientierte Person, eine Person mit mehr journalistischem oder mehr wirtschaftlichen oder mehr wissenschaftlichen Hintergrund, eine Frau oder ein Mann usw.
Als würde mir das mehr Sicherheit geben, wenn es um den Inhalt geht… als könnte ich dann den Inhalt klarer beurteilen…

Hm… nichts gegen zu sagen, dass das so ist. Vermutlich haben Menschen ein Bedürfnis, Hintergrundinformationen aufzusammeln, wenn sie sich mit einem Thema näher beschäftigen. Das finde ich verständlich. Irritiert bin ich halt davon, dass das das Zeug hat, meine Wahrnehmung, meine Lesart eines Textes zu beeinflussen.
Besser geht’s mir, wenn ich mir wie seit einiger Zeit bewusst mache, dass es diesen Effekt gibt und dass der vermutlich gerade wirkt. Das gibt mir das Gefühl, jetzt mit einer gesunden Kritik drauf zu schauen, was mir da geboten wird. Klingt vielleicht paradox, aber ich fühle mich ein klein wenig mündiger, wenn ich mir darüber bewusst werde. Es ist so, als bekäme ich durch diesen Umstand einen zweiten Blick auf die Sache und auch einen zweiten Blick auf mich.

Chutchonn! sagen die Westfalen (heißt soviel wie „Lasst es Euch gut gehen“)

Verständlich und amüsant nachzulesen in:
(1) Kahneman,Daniel, (2012), Schnelles Denken, Langsames Denken, S. 72-80, München: Siedler Verlag, Random House GmbH

Kurz beschrieben in:
(2) Myers, David G., (2014), Psychologie, S. 345, Heidelberg: Springer-Verlag

Wissenschaftlich mit Links zur Vertiefung:
(3) Wirtz, M.A. (Herausgeber), (2014), Dorsch – Lexikon der Psychologie, S. 1297, Bern: Verlag Hans Huber, Hogrefe AG