Und wie lasse ich denken?

…ob es die Qualität von meinen Entscheidungen verbessert, wenn ich vorher mehr drüber nachdenke, statt einfach impulsiv zu handeln.

Und die Antwort lautet: ja und nein.

Klar, es gibt viele Situationen im Alltag, bei denen kleine Entscheidungen anstehen und wobei ich mir weder die Zeit nehmen kann noch nehmen will, lang drüber nachzudenken und etwas abzuwägen. Dann entscheide ich spontan, emotional. Und oft, aber nicht immer funktioniert das ganz gut, sprich: die Ergebnisse dieser Entscheidungen sind meist, aber nicht immer okay.

Und dann gibt es Entscheidungen, die wichtiger sind, deren Auswirkungen stärker sind und bei denen ich mir heutzutage meistens die Zeit nehme, in Ruhe nachzudenken, bevor ich mich entscheide.
In meinem bisherigen Leben habe ich manche dieser weitreichenden Entscheidungen auch spontan und impulsiv getroffen und da waren die Ergebnisse leider selten gut, sondern haben mich auch schon in Krisen gestürzt (die schließlich aber auch manchmal für meine Entwicklung wichtig waren). Manchmal war ich wie vernagelt und wollte keine andere Sichtweise zulassen. Nicht nur bei Handlungen, auch bei Einstellungen kann ich das rückblickend beobachten: emotional und aufgeregt mit dem Kopf durch die Wand hat mir nie Erfolg und Zufriedenheit gebracht. Wenn ich in der Lage war, meine Emotionen einerseits ernst zu nehmen und sie andererseits aber nicht über mein Handeln dominieren zu lassen, sah das schon besser aus.

Ich finde also das Thema sehr spannend, wann Kopf und wann Bauch entscheidet. Dazu habe ich vor einiger Zeit ein sehr interessantes und für mich sehr erhellendes Buch gefunden:
Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman, seines Zeichens Psychologe, hat in „Schnelles Denken, Langsames Denken“ (1) eine Fülle von wissenschaftlichen Belegen seiner und anderer Arbeit (v.a. Amos Tversky) zusammengestellt, die deutlich machen, dass es, so die These, zwei Arten gibt, wie wir Menschen denken:
Das ‚System 1‘ arbeitet schnell, automatisch, emotional, stereotypisierend, unbewusst und ist immer aktiv,
das ‚System 2‘ arbeitet eher langsam, anstrengend, logisch, berechnend, bewusst und ist selten aktiv. (2)

System 1 unterstützt Sie dabei, ihren Alltag geregelt zu bekommen und sich nicht mit jeder Kleinigkeit ewig aufzuhalten und, so Kahneman, meist macht es seinen Job gut. Aber (und das ist der spannende Punkt) es ist auch oberflächlich, impulsiv, entscheidet nach Faustregeln und macht aufgrund dieser Eigenschaften Fehler. Es ist schnell dabei, Urteile zu fällen und handelt mitunter getrieben von Aufgeregtheit, ohne einen Moment innezuhalten und sich tiefer auf Sachverhalte einzulassen (meine Worte, nicht genau die von D.Kahneman).

Ein gutes Beispiel dafür: Stellen Sie sich eine Person vor, die eher ein ruhiges Auftreten hat, hilfsbereit ist, in sich gekehrt wirkt, sich nicht an Stammtischen beteiligt, nicht zum Fußball geht und in Gesprächen eher anderen den Vortritt lässt und sich nicht gut durchsetzen kann.
Ist diese Person eher Bibliothekar oder Bauarbeiter?
Ich hätte sofort auf Bibliothekar getippt. Und vielleicht ist es Ihnen vertraut, dass ich so entschieden hätte. Warum? Na, weil die genannten Eigenschaften eher dem Bild eines Bibliothekars entsprechen, das ich im Kopf habe als dem eines Bauarbeiters. Aber vermutlich gibt es viel mehr Bauarbeiter als Bibliothekare in Deutschland und vermutlich jede Menge hilfsbereite Bauarbeiter, die auch mal in sich gekehrt wirken. Dass die Person statistisch gesehen wahrscheinlich Bauarbeiter ist (eben weil die Zahl der Bauarbeiter viel größer als die Zahl der Bibliothekare ist), hat System 1 einfach übersehen. Mein System 1 hatte ein Bild vor Augen, was zu den geschilderten Eigenschaften passt und fertig. Es war nicht bereit oder in der Lage, darüber hinaus zu denken und kam so zu einer statistisch falschen Annahme.

System 2 ist tendenziell etwas faul und überlässt System 1 oft die Initiative, ist aber in der Lage, über diese Aufgeregtheit hinaus zu denken, sich Zeit zu nehmen, sich wirklich in eine Sache hineinzudenken und nicht sofort allem Glauben zu schenken, was so laut und aufgeregt daher kommt. Es bewahrt die Sachlichkeit (und hätte sich mit dem einfachen, leicht abrufbaren Bild nicht zufrieden gegeben sondern etwas mehr überlegt).

Ich frage mich…
…wie es sich genauer mit diesen beiden Systemen des Denkens verhält, was sie können, was sie uns für Möglichkeiten eröffnen und warum sie normalerweise so denken wie sie denken – und in nächster Zeit werde ich mich hier häufiger auf dieses Thema beziehen. Bin neugierig. 🙂

Chutchonn! sagen die Westfalen (heißt soviel wie „Lasst es Euch gut gehen“)

(1) Kahneman,Daniel, (2012), Schnelles Denken, langsames Denken, München: Siedler Verlag, Random House GmbH

(2) Einen kurzen Überblick gibt es auch bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schnelles_Denken,_langsames_Denken