Weniger Störche, weniger Geburten -verursacht das Eine wirklich das Andere?

…woher das wohl kommt, dass viele Menschen, ich jedenfalls auch, so oft davon sprechen, dass eine Ursache eine bestimmte Wirkung hervorruft und dass diese Sichtweise, eindeutige Kausalität, auch in Medien so oft dargeboten wird.

Ob das die Butter ist, die plötzlich verantwortlich für diese Krankheit oder jenen Gesundheitsfortschritt sein soll oder die Kriminalitätsrate gestiegen ist und schnell die Schuldigen dafür gefunden scheinen… oft, sehr oft scheinen wir von ‚A verursacht B‘ auszugehen.

Seitdem ich mich neben meiner Arbeit aus wissenschaftlichem Interesse innerhalb meines Fernstudiums mit Statistik beschäftige, habe ich manches gelernt, wozu dieses kausale Schwarz-Weiß nicht passt. In der Statistik ergeben sich Kausalzusammenhänge und eindeutige Zusammenhänge extrem selten, bzw. lässt sich davon fast nie sprechen. Warum?

Ein schönes augenzwinkerndes Beispiel ist das mit den Störchen und den Geburtenraten. Ende der 60er Jahre sanken die Geburtenraten in Deutschland, ebenso nahm die Zahl der in Deutschland lebenden Störche ab. War nun die kleinere Zahl der Störche dafür verantwortlich, dass weniger Babys geboren wurden? Es sind verschiedene Zweifel dazu angebracht:

  • Hatten Paare in Deutschland mehr Lust auf Karriere und haben das Kinderkriegen auf später verschoben?
  • Waren Männer (oder Frauen) zu dieser Zeit weniger fruchtbar?
  • Haben Frauen in dieser Zeit der sexuellen Revolution mehr verhütet als früher, so dass es weniger ungeplante Kinder gab?
  • wurde durch intensiveres Städtewachstum beeinflusst einerseits vielleicht die Anzahl von Paaren oder Singles ohne Kinder größer und andererseits die Anzahl von Nistplätzen für Störche geringer?
  • vielleicht ist der Zusammenhang auch anders herum? Störche wurden durch weniger Geburten auch weniger gebraucht, also haben sie sich andere Regionen zum Leben gesucht, wo sie mehr gebraucht wurden?

    Auch hierfür gäbe es mögliche andere Auslöser: gab es plötzlich weniger Frösche (z.B. durch den Ausbau von Schnellstraßen beeinflusst), so dass die Störche sich nahrhaftere Landschaften gesucht haben?

Nun, es ist leicht ersichtlich, dass es eine Vielzahl von Gründen gegeben haben könnte, warum weniger Geburten stattgefunden haben. Konnten alle diese möglichen Gründe mit untersucht werden? Nein. Also erscheint es sinnvoller, nur von Zusammenhängen zu sprechen, nicht aber von Ursache und Wirkung. Tatsächlich ist in der wissenschaftlichen Statistik nur dann von einer Ursache und Wirkung zu sprechen, wenn ich einen Sachverhalt im Experiment im Labor untersuche. Und selbst dort kann ich störende Einflüsse (z.B. die Tagesform von Versuchskaninchen und Forschenden usw. usw.) auf die Ergebnisse nicht ausschließen. Abseits von Laborexperimenten (also z.B. bei der Butter und der Kriminalitätsrate) ist es eigentlich unredlich, von einer Ursache und einer Wirkung zu sprechen. Es lässt sich jedoch gut von möglichen Zusammenhängen sprechen, bei denen nicht alle Einflüsse bekannt sind.

Ich bin beim Punkt angelangt: Von Ursache-Wirkung zu sprechen (oder auch: Schuld für dies ist das) ist in sozialen Zusammenhängen eine fast nie zutreffende Interpretation, mit der jedoch Aufgeregtheit, Emotion verbunden ist (und die sich für das gezielte Verstärken von Stimmungen nutzen lässt). Angemessener und einer sachlichen Diskussion förderlicher ist es, davon zu sprechen, dass A ein möglicher, aber vermutlich nicht der einzige Einfluss auf B ist und dass es eine Vielzahl weiterer Einflüsse auf diesen Zusammenhang zwischen A und B geben kann.

Mir ist daran gelegen, dass wir uns die Zeit nehmen, Sachverhalte unter diesen Gesichtspunkten weniger emotional diskutieren.

Chutchonn! sagen die Westfalen (heißt soviel wie „Lasst es Euch gut gehen“)

 

Gut nachzulesen sind diese Überlegungen z.B. in:

Etwas komplizierter, zur Vertiefung geeignet:

  • Sedlmeier, P., Renkewitz, F., (2013), Forschungsmethoden und Statistik, S. 126 u. Kapitel 1, Hallbergmoos: Pearson Deutschland GmbH